Seth Godin - All Marketers Tell Stories

Februar 28, 2017

Oder: Was Lee Child und Seth Godin gemeinsam haben

Um es vorweg zunehmen: Ich habe dieses Buch nach gut dem ersten Fünftel nicht mehr weitergelesen. Wer also an einer Besprechung des Inhalts interessiert ist, vergeudet hier seine Zeit. Wer wissen will, warum ich das Buch weggelegt habe, möge weiterlesen.

An Seth Godin zum Thema Marketing vorbeizukommen, scheint unmöglich zu sein. Irgendwie hat jeder im Dunstkreis zumindest ein Buch von ihm in der Hand gehabt. Und auch wenn ich mit Marketing eher Scharlatanerie und aufdringliche Plakatwerbung verbinde1, will ich seit einiger Zeit zumindest die grundlegende Mechanismen davon verstehen.

Wie jeder, der vor unmittelbarer, praktischer Erfahrung mit unliebsamen Tätigkeiten zurückschreckt, beschloss ich, ein Buch zum Thema Marketing und Verkauf zu lesen, und eine kurze Recherche im Forum meines Vertrauens2 legte die Ratgeber von Seth Godin nahe - entweder Purple Cow oder eben All Marketers Tell Stories. Vor Jahren hatte ich Purple Cow mal im Bücherregal stehen, wie es seinen Weg dorthin gefunden hatte, weiss ich nicht mehr. Ich wusste aber, dass es bis auf den lila Umschlag keinen besonderen Eindruck bei mir hinterlassen hatte, und bei einer der letzten Übersiedelungen den Weg in den Umzugskarton nicht mehr gefunden hatte. Die Wahl fiel also auf All Marketers Tell Stories.

Das Cover wirbt damit, hier einen "Underground Classic" in der Hand zu haben. Ein Blick ins Kleingedruckte verrät, dass der Klassiker 2009 erstmals in den USA veröffentlicht wurde, auf Amazon stand der Untergrund-Geheimtipp wochenlang auf der Bestseller-Liste. Der Inhalt des Buchs lässt sich, wenn ich es richtig verstehe, folgendermassen zusammenfassen: Im 21.Jahrhundert ist alles, was mit Marketing zu tun hat, anders, als es davor war. Das liegt am Internet3, vor Allem aber, weil wir Konsumenten so widerständig gegenüber schlechter Werbung geworden sind. Es reicht nicht mehr, uns ein Produkt vor die Nase zu halten, man muss uns jetzt auch eine authentische Geschichte dazu erzählen.

Godin scheint seinen eigenen Rat zu befolgen, und spult dem geneigten Leser auch eine wahrhaftige Geschichte nach der anderen dazu runter.

In einem lesenswerten Gastbeitrag der New York Times schilderte der Thriller-Autor Lee Child seine Methode, um Spannung beim Leser zu erzeugen4. Darin legt er nahe, in einem fort Fragen aufzuwerfen, und die Antwort darauf solang hinauszuzögern, wie es irgendwie geht. Die wenigen Bücher, die ich von Child las, trafen nicht meinen Geschmack. Aber Suspense kann er! Selten hatte ich temporeichere, völlig geradlinige Genreliteratur gelesen.

Was in einem Thriller gut funktioniert und selbst über hanebüchene Plots retten kann, ist im Sachbuch der Horror. Die ersten Kapitel in Godin's Buch quälte ich mich damit, immer nach dem gleichen Muster die neue Marketing-Doktrin eingetrichtert zu bekommen: Zuerst wird behauptet, dass Althergebrachtes nicht mehr ausreicht, um sich den gegenwärtigen Herausforderungen im Marketing zu stellen, dann stellt Godin eine verheissende, vage Zukunft in den Raum. Es folgt: eine Geschichte über ein Unternehmen (oder einfach jemand, dem Godin auf einer Cocktail-Party begegnet ist), die irgendwie mit dem eben Erzählten zu tun hat. Und zwei, drei Seiten weiter schliesslich enthüllt Godin als Moral der Geschichte den new way, der irgendwie immer gleich klingt, ohne dabei je in die Tiefe zu gehen. So ging das in einem fort, und nach ein paar Kapiteln klappte ich das Buch endgültig zu.

Mir war von Anfang an klar gewesen, dass ich bei Godin nicht einen Aha-Moment nach dem anderen erwarten durfte. Meine Erfahrung mit dieser Art Büchern aber zeigt, dass, trotz der reisserischen Art, üblicherweise dann doch zwei, drei Punkte rauszuholen sind, die mir eine neue Sichtweise oder Erkenntnis erlauben. Vielleicht sind die ja auch in All Marketers Tell Stories zu finden. Wenn Godin bloss nicht seine Bücher so mit heisser Luft aufblähen würde, liesse sich das als Sachbuch vielleicht auf 30, 40 geistig nahrhafte Seiten runterdestillieren. So aber will das Büchlein packend und aufregend sein. Und wenn ich mich bei Spannung zwischen Godin und einem hausechten Thriller entscheiden muss, will ich doch lieber Lee Child lesen.

1. Siehe dazu das Clean City Law in São Paulo.
2. Hacker News
3. Alles hat sich mit dem Internet verändert. Alles.
4. Lee Child, A Simple Way to Create Suspense

Tags: ichlese

John le Carré - The Russia House

Februar 14, 2017

Vor etwa einem Jahr gab ich bei Shakespeare & Company in der Wiener Sterngasse den Grossauftrag, alle von le Carré veröffentlichten Thriller zu kaufen. Einzige Vorgabe: ich will keine Taschenbuchcover mit Filmplakaten, sondern die Penguin Classic Reihe. Zwei Wochen später reihte ich bereits sämtliche Werke in chronologischer Reihenfolge in mein Bücherregal, und seitdem vergeht kein Urlaub bei dem ich nicht mindestens eines davon in die Tasche packe. Irgendwo zwischen Buchkritik, Schulaufsatz und Notiz will ich hier nun meine Gedanken zu dem Buch The Russia House schriftlich ordnen.

Achtung! Ab hier folgen Spoiler!

Russia House spielt am Ende des Kalten Krieges, als Gorbatschows Perestroika die letzten Jahre der Sowjetunion bestimmt. Der glücklose Verleger Barley lernt bei einer Literaturverlags-Messe in Russland einen enigmatischen Russen names Goethe kennen. In Russland heisst das: sie sind schwer dabei sich zu besaufen. Doch erst Jahre später hört Barley wieder von Goethe, als der ein Buch voller russischer Staatsgeheimnisse veröffentlich will; Barley ist der einzige, dem Goethe bereit ist dabei zu vertrauen. Blöd nur, dass Goethe nicht direkt mit Barley Kontakt aufnehmen konnte, und der Bote, ein weiterer gescheiterter, britischer Buchverleger und Möchtegern-Agent hat nichts besseres zu tun, als damit zum britischen Geheimdienst zu laufen. "The Service", später, als die Tragweite der Informationen klarer wird, auch die Amerikaner ("Langley") fliegen darauf wie Fliegen auf die Scheisse.

Le Carré erzählt die sich entfaltende Handlung in Retrospektive, aus Sicht des im Dienst des "Service" stehenden Juristen Palfrey, der mal mehr, mal weniger eine aktive Rolle im Geschehen spielt. Der Erzähler scheint nicht ganz unvoreingenommen: Spekulationen, Ellipsen, Mißverständnisse und Beschönigungen. Und auch wenn Palfrey's Erzählstil sich bemüht dem Bild des nüchternen Beamten gerecht zu werden, lässt er sich doch immer wieder zu Spitzen hinreissen, er kommentiert Patzer, Fehlentscheidungen, politische Entscheidungen. Auch sein eigenes Liebesleben lernen wir kennen. Da erzählt einer, der selbst an sich herumschleppt, und offenbar kaum mehr an Staatstreue oder Liebe glaubt.

Im Mittelpunkt aber steht Barley, der als einziger Darsteller in le Carrés Agentengeschichte eine ernstzunehmende Entwicklung durchmacht. Wir erleben ihn inmitten der Geheimdienste, die jedes seiner Worte abwiegen, umdrehen, hinterfragen und auf jedes Gramm abwiegen. Zähneknirschend machen die Geheimdienste aus Barley den Spion, den sie wieder und wieder in die im Endstadium befindliche Sowjetunion schicken. Goethe aber ist weit weg von Moskau und zu vorsichtig, um sich den allgegenwärtigen Spitzeln der Sowjets auszusetzen. Und so ist Katya, die Mitarbeiterin eines Moskauer Verlages, das Sprachrohr zwischen Barley und Goethe. Ein unfreiwilliger Spion, eine ominöse Quelle und eine junge Frau; die klassischen Zutaten für le Carré-Vintage.

Hier zeigen sich dann die Schwächen des Romans: die erste Hälfte des Buchs las ich zügig und mit wachsender Neugier. Die zweite sackte mir dann weg und erst gegen Ende hin nahm sowohl die Handlung als auch meine Leselust wieder Fahrt auf. Zu oft wiederholen sich meiner Meinung nach Barleys Besuche in Russland, und der Roman bekommt etwas von einem Kammerspiel, bei dem zwei, drei Kulissen und Situationen den Grossteil der über vierhundert Seiten bestimmen. Nicht, dass ich mir einen polyglotten Rund-um-die-Welt Spionagethriller erwarten würde (dafür greife ich wohl kaum nach einem le Carré Buch). Aber ich halte es für bezeichnend, dass ausgerechnet ein Exkurs in die fernen USA die für mich bestimmenden Passagen des Romans enthielt.

Dort ziehen sich Briten und Amerikaner zu einer Art Geheimdienst-Klausur auf eine kleine Insel im Atlantik zurück, mit dabei der Erzähler Palfrey und natürlich Barley. Und dort spekulieren Briten wie Amerikaner über die Vertrauenswürdigkeit von Goethe, über Barley, über ihre eigenen Urteile. Die Tragweite von Goethes Informationen werden angedeutet, und die Vorstellung, dass sich die Treffsicherheit der russischen Atomraketen als deutlich geringer als angenommen herausstellen könnte, lässt den militärisch-industriellen Komplex der freien, westlichen Welt vor Panik im Kreis laufen. Wofür sollten die denn dann die Milliarden an Verteidigungsbudget herbekommen?

Hier finden sich auch die Sätze, die le Carré wie mühelos zu beherrschen scheint, und in denen er in einem Wisch Charaktere beschreibt. Etwa Barley der, an seiner Aufgabe zusehends wachsend, beginnt das Geschehen zu bestimmen, ein Mittfünfziger (who) "sported an old blue sailing cap" und "wore it with a grim face, eyes upon unconquered colonies".

Auf diesen paar Seiten (etwa 320 bis 350) findet sich auch die beeindruckendeste Passage des Romans, als Palfrey nicht umhin kann, sich von den (1987!) neuen Übertragungstechnologien der Amerikaner beeindruckt zu zeigen: Denn von nun an werden Überwachungsbänder nicht mehr mittels Kurier aus Russland geschmuggelt, sondern "in digital pulses in one-thousandth of the time" verschlüsselt per Funk übertragen. In vier kurzen Sätzen deutet le Carré den Paradigmen-Wandel innerhalb der Geheimdienste an, der damals statt fand: "The word WAIT was forming in pretty pyramids. Spying is waiting. The word SOUND replaced it. Spying is listening." Jetzt, fast dreissig Jahre später scheint es, als hätte das Lauschen der Geheimdienste jeden Winkel erreicht. Und während Barleys Geschichte und die der untergehenden Sowjetunion Vergangenheit wird, erhält Russia House dadurch trotzdem etwas zeitgemässes und bietet einen Ausflug in die paranoide Innenwelt der Geheimdienste.

Nicht le Carré's Bester, aber wer mit den Hauptwerken durch ist, wird auch hier wieder seinen einzigartigen Stil wiederfinden und geniessen können.

Tags: ichlese